Standpunkte - Dialoforum Demenz

Standpunkte

In unserer Gesellschaft gibt es zahlreiche Menschen, die sich beim Thema Demenz bereits aktiv in die Debatte einbringen. Ihnen geben wir hier die Gelegenheit, zu Wort zu kommen und ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit demenziell Erkrankten und ihre Ansichten zum Thema zu schildern.

RENATE SCHMIDT, BUNDESFAMILIENMINISTERIN a.D.

„Das Reden über eine mögliche schwere Erkrankung und den eigenen Tod ist nach wie vor ein Tabu. Weil wir über unseren Tod und die Zeit davor so ungern reden, vergeben wir die Chance, diese Zeit gut zu erleben. Gerade für demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen kann es viele gute gemeinsame Jahre geben. Dafür muss sich aber noch vieles verbessern: neue Wohnformen und mehr Tageskliniken für Demenzpatienten, eine bessere materielle und personelle Unterstützung der Angehörigen sowie ein frühzeitigeres Erkennen der Krankheit. Um das alles zu erreichen, müssen wir anfangen, über Demenz zu reden. Vor allem sollten wir begreifen, dass nicht irgendjemand, sondern wir selbst betroffen sein können.“

 

DR. STEFAN KAUFMANN, MdB

„Ob im Familien- oder Freundeskreis, die Schicksale von an Demenz Erkrankten bewegen uns alle. Noch vor wenigen Jahren wurde ihre Krankheit verschwiegen und ihre Angehörigen allzu oft alleingelassen mit einhergehenden Alltagsproblemen und den tagtäglichen großen Herausforderungen. Die zunehmende Zahl diagnostizierter Fälle verstärkt die öffentliche Debatte. Forschung und Behandlung erfahren mehr Beachtung. Heute wissen wir: Früherkennung und rechtzeitiges Intervenieren können den Krankheitsverlauf hinauszögern. Damit kann Betroffenen, deren Angehörigen und Pflegekräften besser geholfen werden. Als Forschungspolitiker weiß ich um die große Bedeutung der Forschung für diesen Prozess. Daher setze ich mich für eine verstärkte öffentliche Forschungsförderung im Bereich demenzieller Erkrankungen ein.“

 

ELISABETH SCHARFENBERG, MdB

„Menschen mit Demenz gehören zu unserer Gesellschaft wie Kinder, Alte, Kranke, Menschen mit Behinderungen. Niemand sollte ausgeschlossen oder gar versteckt werden, weil er oder sie nicht in die Umgebung passt, den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen ist. Stattdessen muss die Umgebung so gestaltet werden, dass alle sich darin zurechtfinden. Bei den Anforderungen des Alltags braucht es Unterstützung, wo sie nötig ist: Eine barrierefreie Wohnung und Umgebung, Schulen, Ärzte, Restaurants, Supermärkte, Kinos, Theater in der Nähe. Entlastung für Angehörige, Betreuung und Begleitung z.B. beim Einkaufen und vieles andere mehr. Diese Dinge kann die Politik regeln. Mehr Rücksicht und Toleranz für alle, die nicht ganz stromlinienförmig funktionieren – das muss in der Gesellschaft entstehen.“

 

ERWIN RÜDDEL, MdB

„Demenz kann jeden treffen. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 300.000 Menschen neu. Die Diagnose ‚Demenz‘ belastet Erkrankte, aber auch deren Angehörige in hohem Maß. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels bedeutet dies eine immer größere Herausforderung für unsere Gesellschaft. Mit der ‚Runderneuerung‘ der Pflegeversicherung stellt der Gesetzgeber in dieser Legislaturperiode Menschen mit kognitiven und somatischen Einschränkungen erstmals gleich und schließt damit eine große Gerechtigkeitslücke. Wir mobilisieren künftig mehrere Milliarden pro Jahr zusätzlich für eine bessere Versorgung von demenziell Erkrankten, sorgen für mehr Fachkräfte in der stationären Pflege und schaffen vielfältige Entlastungen für pflegende Angehörige. Das ist die angemessene Antwort der Politik darauf, dass die Deutschen – erfreulicherweise – immer länger leben.“

 

DAVID SIEVEKING, REGISSEUR UND AUTOR

„Die Demenz meiner Mutter war für unsere Familie eine Gefühls-Odyssee: Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose Alzheimer-Demenz hat es fast vier qualvoll unsichere Jahre gedauert. Leider versank meine Mutter in dieser Zeit in einer tiefen Depression und wir waren ohnmächtig und hilflos. Mit fortschreitender Demenz hatte sie irgendwann ihr „Vergessen vergessen“. Sie war dann zwar sehr verwirrt, aber nicht mehr so niedergeschlagen und verzweifelt. In dieser Phase habe ich mit meiner Mutter viele wunderbare, erfüllende und oft auch komische Momente erlebt – sie hatte zwar ihr Gedächtnis, aber nie ihren Humor verloren. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die solche Erfahrungen und schönen Augenblicke als Bereicherung sieht und nicht nur im Verborgenen, sondern auch im öffentlichen Raum ermöglicht!“

 

PROF. DR. URSULA LEHR, BUNDESFAMILIENMINISTERIN a.D.

„Das große Glück zunehmender Langlebigkeit, die Chance 90 oder 100 Jahre alt zu werden, ist verbunden mit der Gefahr kognitiver Störungen. Aber wir können viel tun, um Symptome der Desorientierung zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern: Körperliche Bewegung, aber auch geistige Aktivitäten sind hilfreich – für die Prävention ebenso wie bei bereits bestehender Erkrankung. Alle demenziell Erkrankten brauchen eine Aufgabe, brauchen Beschäftigung, brauchen Zuwendung! Gehen wir auf sie zu, haben wir Verständnis für ihr ‚Anders-Sein‘. Eine solche Krankheit kann jeden von uns treffen.“

 

MARIA MICHALK, MdB

„Die Demenzerkrankung ist ein schleichender Prozess. Viele Menschen fürchten, selbst daran zu erkranken und versuchen, die Krankheit zu verzögern. Eine wirklich verhindernde Medizin gibt es heute noch nicht, dazu brauchen wir mehr Forschung. Was wir aber wissen ist, dass frühzeitige besondere geistige Aktivitäten in unserem Gehirn starke Schutzmechanismen auslösen. Wer z.B. im frühkindlichen Alter mehrere Sprachen lernt, hat einen Vorteil. In der Familie oder mit Freunden darüber zu reden ist wirkungsvoll. Das Pflegestärkungsgesetz II regelt Unterstützungsleistungen. Aber Geld ist nicht alles. Vielmehr ist das Verstehen der Erkrankung und das Eingestehen einer gewissen Ohnmacht wichtig, um liebevoll und geduldig mit dem Demenzerkrankten weiterhin den Alltag erleben zu können.“

MECHTHILD RAWERT, MdB

„Nicht die Krankheit Demenz, sondern die an Demenz erkrankten Menschen und ihre Angehörigen müssen im Mittelpunkt von Gesellschaft und Politik stehen. Nicht Angst vor einer Erkrankung, sondern unser Interesse an einer inklusiven Gesellschaft, die Menschen in allen Lebenssituationen Teilhabe und Wohlbefinden ermöglicht, muss treibender Ansporn sein. Ich plädiere für eine nachhaltige Forschung, eine differenzierte Diagnostik und eine innovative medizinische und pflegerische Versorgung. Menschen wollen aber auch wohnortnahe niedrigschwellige und umfassende Beratungsangebote, Selbst- und Angehörigengruppen, neue Wohnmodelle, Unterstützung beim Einbringen vorhandener Fähigkeiten und Ressourcen und bei sozialen Aktivitäten. Mit den Pflegestärkungsgesetzen I bis III beschreiten wir diesen Weg mit großen Schritten.“