Praxiserlebnis in der „Lern-Werkstatt Demenz" Arnsberg

Am 14.11.2016 besuchten die Bundestagsabgeordneten Petra Crone (SPD) und Prof. Dr. Patrick Sensburg (CDU/CSU) das Jugendbegegnungszentrum Liebfrauen in Arnsberg. Beim Termin informierten sich die Abgeordneten darüber, wie demenzfreundliche Angebote auf kommunaler Ebene geschaffen und generationenübergreifend ausgestaltet werden können. Zum Praxiserlebnis eingeladen hatten die Fachstelle Zukunft Alter der Stadt Arnsberg und die Initiative Dialogforum Demenz.

Demenz mitten in der Gesellschaft

Demenz ist eine Erkrankung, die Betroffene und ihre Angehörigen häufig aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben ausschließt. Genau hier setzt die Stadt Arnsberg an und möchte Menschen mit Demenz und ihre Familien durch eine demenzfreundliche Stadtgestaltung sowie ideenreiche Projekte am öffentlichen Leben teilhaben lassen. Die 74.000-Einwohner-Stadt schafft gezielt Angebote für Ältere, die den Austausch zwischen dementen und nicht-dementen Menschen fördern.

Denn Demenz ist schon längst kein Randphänomen mehr, sondern fester Bestandteil unserer alternden Gesellschaft. „Demenz begegnen wir im Stadtbus, beim Einkaufen, beim Arzt, im Verein und beim Friseur – und eben nicht nur im Pflegezentrum“, betonte Bürgermeister Hans-Josef Vogel. Die vielen unterschiedlichen Bereiche des Alltags, in denen sich eine Demenzerkrankung bemerkbar macht, sind zugleich Ansatzpunkte für eine gelungene Stadtentwicklung.

Wie können Parkhäuser gestaltet werden, so dass weglaufgefährdete Personen geschützt werden? Wo können Einkaufsmöglichkeiten geschaffen werden, um einen wohnortnahen Zugang zu Dingen des täglichen Bedarfs sicherzustellen? Wie können technische Assistenzsysteme zur Unterstützung von Angehörigen und Fachkräften beitragen, beispielsweise in der Pflege? Eine zentrale Voraussetzung für die Beantwortung solcher Fragen ist ein offener Umgang mit der Erkrankung. „Was wir durch unsere Arbeit in den vergangenen Jahren erreicht haben, ist, dass wir Demenzpatienten wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft holen konnten“, so Bürgermeister Vogel.

Die beiden Bundestagsabgeordneten begrüßten diese Vorstellung ausdrücklich. Zwar beschäftige man sich auf Bundesebene vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung und den Pflegereformen bereits mit ähnlichen Themen, sagte Frau Crone. Weiterführende Impulse müssten aber immer aus den einzelnen Kommunen kommen. In besonderem Maße gelte das für ländliche Regionen, da diese noch stärker von den Auswirkungen des demografischen Wandels betroffen sind als Metropolregionen.

Gelebter Generationendialog

Ein wichtiges Anliegen ist es, Räume für zwischenmenschliche Begegnungen zu schaffen, erklärte der Leiter des Jugendbegegnungszentrums (JBZ), Peter Radischewski. Kaum ein anderer Ort in Arnsberg steht so für offenen und generationenübergreifenden Austausch. Im Vordergrund stehen persönliches Erleben, das Einbringen eigener Erfahrungen und das Einfühlen in die Lebenswirklichkeit des Gegenübers. Der Dialog zwischen verschiedenen Generationen wird hier täglich gelebt – wie auch beim Besuch von Frau Crone und Prof. Sensburg, an dem sich zahlreiche Jugendliche beteiligten und gemeinsam mit Demenzpatientinnen und den Abgeordneten Marionetten bastelten.

Die Verbindung von jungen und älteren Menschen ist eines der Erfolgsrezepte für das Engagement der Arnsberger im Demenzbereich. Regelmäßig begleiten Jugendliche Bewohner des Seniorenzentrums, die auf diese Unterstützung angewiesen sind, in das JBZ. Im dort wöchentlich stattfindenden „Café Zeitlos“ gibt es wechselnde Kunstausstellungen und die Möglichkeit zum angeregten Austausch. Auch zahlreiche weitere Aktivitäten wurden in den vergangenen Jahren durchgeführt, darunter diverse Tanz- und Musikveranstaltungen, Theateraufführungen und Workshops. Die Angebote richten sich gleichermaßen an nicht-demente und demente Menschen.

Damit solche Projekte gelingen, braucht es engagierte Bürger – so wie die 20-jährige Hanna Radischewski, die seit mehreren Jahren als Klinik-Clown ältere Mitmenschen zum Lachen bringt. Sie berichtete Frau Crone und Prof. Sensburg von ihrer anfänglichen Zurückhaltung mit Blick auf von ihr organisierte Zirkusprojekte: „Zunächst war ich skeptisch und habe mich gefragt: wie soll das mit Senioren funktionieren?“ Diese Zweifel hat sie aber schnell abgelegt und weiß rückblickend die große Verantwortung, die sie bereits früh für ältere Mitmenschen übernommen hat, sehr zu schätzen. Sich gemeinsame Akrobatiknummern zu überlegen, sei ein richtig tolles Erlebnis gewesen. Und sogar Rollstuhlfahrer ließen sich bei den Aufführungen einbinden.

Frau Crone unterstrich diesen Punkt: „Wir sollten stärker auf noch vorhandene Fähigkeiten schauen, anstatt uns immer nur auf Defizite zu konzentrieren.“ Ältere Menschen hätten u.a. einen großen Erfahrungsschatz, den sie an die jüngere Generation weitergeben können. Ein wichtiges Anliegen sei ihr daher auch die Förderung von Mehrgenerationenhäusern, von denen im neuen Bundeshaushalt 100 zusätzliche vorgesehen sind.

Austausch über fachliche Grenzen hinweg

Die erfolgreiche Vernetzung von Angeboten sollte auch an fachlichen Grenzen nicht Halt machen, erklärte Martin Polenz von der Fachstelle Zukunft Alter der Stadt Arnsberg, die die unterschiedlichen Projekte im Demenzbereich koordiniert. „Aus unserer Erfahrung wissen wir: eine demenzfreundliche Stadt können wir nur gemeinsam werden. Daher möchten wir Menschen zusammenführen und den interdisziplinären Austausch fördern.“

Für das Engagement rund um Demenz gilt schließlich das gleiche wie für die Krankheit selbst. Beide erfordern, sich beständig auf neue Situationen und Herausforderungen einzustellen. Demenz wird daher in Arnsberg als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, die stetiges Lernen voraussetzt. Aus dieser Grundüberzeugung wurde das Leitbild der „Lern-Werkstadt Demenz“ entwickelt: eine demenzfreundliche Stadt, in der neue Ideen in der Praxis ausprobiert werden können. Gesundheitsinstitutionen werden ebenso in Aktivitäten integriert wie Bildungseinrichtungen, die örtliche Wirtschaft und Verbände.

Das Ziel sind möglichst individuelle, attraktive Angebote, erläuterte Herr Polenz. Dazu müsse man den Mut haben, Perspektiven zu wechseln und nicht in einer reinen Verwaltungssicht zu verharren. „Altern ist ein Prozess. Wir als Stadt müssen uns anpassen – baulich, kommunikativ, und vor allem gedanklich.“ Prof. Sensburg stimmte zu und ergänzte, dass auch die individuellen Stärken der Bürger vor Ort so am besten zum Tragen kommen können.

Freiräume schaffen für gute Ideen

Um die Mitgestaltung von Angeboten des öffentlichen Lebens für Demenzpatienten zu ermöglichen, sind Freiräume für die Erprobung neuer Konzepte wichtig. Daher liegt der Fokus in Arnsberg darauf, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Bürger ihre Vorstellungen umsetzen können. Vonseiten der Politik müsse dazu v.a. für eine adäquate Mittelausstattung gesorgt werden, betonten Bürgermeister Vogel und Herr Polenz. Das Projekt „Lern-Werkstadt Demenz“ wurde in der dreijährigen Modellphase von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt und mittlerweile in die Regelfinanzierung der Stadt Arnsberg übernommen.

Neben finanziellen und personellen Ressourcen ist auch Zeit ein wichtiger Faktor. Die Teilnehmer des Praxiserlebnisses waren sich einig, dass die Schulung von Jugendlichen zeitintensiv sei, sich aber durch bessere Unterstützungsmöglichkeiten für ältere Menschen und den Erfahrungszuwachs für die Jugendlichen auszahle. Unter anderem sei es so gelungen, junge Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern und neue Auszubildende zu gewinnen.

Schließlich geht es auch darum, gute Konzepte wie in Arnsberg in weiteren Kommunen zu verankern und Gestaltungsspielräume für eigene Angebote zu öffnen. Frau Crone und Prof. Sensburg begrüßten vor diesem Hintergrund die Initiative sowie das große Engagement in Arnsberg und betonten ihre Bereitschaft zum weiterführenden Austausch. Eine gute Gelegenheit biete dafür der von ihr einberufene Arbeitskreis "Demografie - Lebenslanges Lernen", stellte Frau Crone heraus. Aber auch darüber hinaus wolle sie den Austausch fortführen. „Ich komme gerne noch einmal wieder“, sagte sie bei ihrer Verabschiedung.

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BERICHT DES PRAXISERLEBNISSES

 

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