Praxiserlebnis beim Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Am 02.02.2016 besuchte die Bundestagsabgeordnete Maria Michalk das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig (MPI). Beim Praxiserlebnis diskutierte die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit leitenden Wissenschaftlern des Instituts aktuelle Forschungsergebnisse und mögliche Konsequenzen für die Versorgung demenziell Erkrankter. Das MPI legt einen Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit auf die Weiterentwicklung bildgebender Verfahren, um u.a. die Diagnostik für verschiedene Demenzarten zu präzisieren.

Weiterentwicklung der Demenzdiagnostik mithilfe neuester Technik

„Im MPI steht den Forschern modernste Technik für ihre Versuche zur Verfügung“, erklärte der Leiter der MRT-Gruppe, Prof. Dr. Harald Möller. Mit ihr kann die Aktivität in verschiedenen Bereichen des Gehirns gemessen und bildlich dargestellt werden, beispielsweise die Reaktion von Probanden auf dargebotene Bilder. Ein Highlight der Ausstattung des Instituts wurde Frau Michalk aus unmittelbarer Nähe gezeigt: ein Forschungs-MRT-Gerät mit einer Feldstärke von 7 Tesla – in der Gesundheitsversorgung sind aktuell lediglich Stärken von bis zu 3 Tesla üblich.

Prof. Möller ging bei der Vorführung auf technische Spezifikationen ein und betonte den Vorteil, extrem hochauflösende Bilder generieren und so neue Einsichten in demenzielle Erkrankungen gewinnen zu können. Auch für die Politik seien diese Erkenntnisse von großer Bedeutung, fügte Frau Michalk hinzu. Je genauer man Krankheiten wie Demenz und die zugrundeliegenden Zusammenhänge verstehe, desto bessere Entscheidungen könnten von politischer Seite für Rahmenbedigungen der Versorgung getroffen werden.

Unmittelbare Auswirkungen auf Politik und Gesundheitsversorgung

Im Gespräch mit Frau Michalk verdeutlichte MPI-Forschungsgruppenleiter Prof. Dr. Dr. Matthias Schroeter, dass sich die Forschung auch direkt auf die Versorgungslandschaft auswirkt. Ein besseres Verständnis demenzieller Krankheiten sei ein wichtiger positiver Faktor auf dem Weg zur Entwicklung krankheitsmodifizierender Therapien. Selbst wenn es eine solche Möglichkeit momentan noch nicht gebe, könne eine präzisere Diagnostik bereits zum Ausschluss von Demenzerkrankungen beitragen oder Hinweise auf Krankheiten liefern, die sich behandeln lassen. Für viele Patienten habe die Beseitigung von Ungewissheit durch einen organischen Nachweis einen hohen Stellenwert, betonte Prof. Schroeter. Die Differentialdiagnostik profitiere dabei in besonderem Maße von der Weiterentwicklung bildgebender Verfahren und den daraus resultierenden, genaueren Ergebnissen. Essentiell für eine verbesserte Diagnosefähigkeit seien multizentrischen Studien zur Abbildung einer großen Bandbreite an Probanden und Messbedingungen.

Ein zentrales Ergebnis der jüngeren Demenzforschung sei die Entdeckung von Frühstadien, sagte Dr. Angelika Thöne-Otto von der Tagesklinik für kognitive Neurologie. Forschungsergebnisse würden darauf hindeuten, dass in diesen als „subjektive“ und „leichte kognitive Beeinträchtigung“ bezeichneten Stadien auf den weiteren Krankheitsverlauf eingewirkt werden könne. Gerade letztere habe eine hohe Relevanz für die zukünftige Gesundheitsversorgung, da sie mittels moderner bildgebender Verfahren bereits frühzeitig nachgewiesen werden könne, fügte Prof. Schroeter hinzu. „Die zentrale Frage ist: wenn leichte kognitive Beeinträchtigung als eigene Erkrankung anerkannt wird und wir sie bei viel mehr Menschen diagnostizieren – was machen wir dann mit diesen Patienten?“

Demenz bedarf mehr als Pflege

Unmittelbar betroffen sei die Pflege, sagte Frau Michalk. Auswirkungen könne es auf das neue Begutachtungsverfahren geben, das mit dem Pflegestärkungsgesetz II eingeführt wurde und in diesem Jahr konkretisiert werden soll. Demenz betreffe allerdings mehr als nur die Pflege, unterstrich Prof. Schroeter. Insbesondere da man nach aktuellen Erkenntnissen in Frühstadien auf den Krankheitsverlauf einwirken könne, würden sich an eine präzisere Frühdiagnostik automatisch Fragen nach adäquaten Therapien anschließen. Hier wünsche er sich eine größere Bereitschaft der Krankenkassen, neue Therapieoptionen zu unterstützen. Ein Umdenken sei erforderlich, weil ein Eingreifen in frühen Demenzstadien zu späteren Kostenersparnissen führen könne.

„Auch bei unserer Auftaktveranstaltung haben wir die Erfahrung gemacht, dass das Thema Demenz von allen Fraktionen primär mit Pflege verknüpft wird“, sagte Dr. Gerd Kräh, Director Government Affairs von Lilly Deutschland und Partner im Dialogforum Demenz (Weitere Informationen zu den Partnern des Dialogforums erhalten Sie hier). An der Podiumsdiskussion hatten die pflegepolitischen Sprecher aller Bundestagsfraktionen teilgenommen. „Alzheimer = alt = Pflege“ – dieses Denkmuster sei in der Politik noch weit verbreitet, konstatierte auch Frau Michalk. Dennoch müsse der Bogen von Demenz zu anderen Gebieten der Gesundheitspolitik gespannt werden. Ein Beispiel sei die Verbesserung der Suizidprävention, die aktuell im Bundestag debattiert wird. In diesem Zusammenhang hob Dr. Thöne-Otto die große Relevanz von psychosozialen therapeutischen Interventionen hervor. Entsprechende Angebote sollten, analog zur psychoonkologischen Versorgung, im stationären und ambulanten Bereich ausgebaut werden. Eine bessere Qualifikation von Haus- und Nervenärzten könne dazu beitragen.

Stärkere Vereinbarkeit von Demenz und Berufsleben

Auch die Prävention demenzieller Erkrankungen sollte stärker betrachtet werden, stellte Dr. Thöne-Otto heraus. So könne sich beispielsweise ein aktives Sozialleben, sportliche Betätigung oder Nichtrauchen positiv auf das Demenzrisiko auswirken. Frau Michalk bekräftigte, das Präventionsgesetz habe mit dem Fokus auf verschiedene Lebenswelten einen wichtigen Ansatz zur Reduzierung solcher Risikofaktoren geschaffen. Der Gedanke müsse aber noch stärker in die Gesellschaft getragen werden.

Eine Möglichkeit dafür sehe sie in der Wiedereingliederung demenziell Erkrankter in die Arbeitswelt, sagte Dr. Thöne-Otto. An der Tagesklinik für kognitive Neurologie gebe es bereits entsprechende Programme. Zentral sei aus ihrer Sicht, die Therapien in den Alltag der Patienten zu integrieren und praxisnah zu testen. Hilfreich sei ein gut ausgebautes regionales Netzwerk an Unterstützungsmöglichkeiten, das den Patienten unmittelbar zugutekomme. Außerdem seien Gespräche mit den jeweiligen Arbeitgebern unerlässlich, um eine demenzfreundliche Ausgestaltung des Arbeitsplatzes zu erreichen.

Gemeinsamer Austausch für eine bessere Versorgung Demenzkranker

Eine wichtige Grundlage für Spitzenforschung und die Weiterentwicklung der Versorgung demenziell Erkrankter sei der Austausch über verschiedene Fachrichtungen hinweg, erklärten Prof. Schroeter und Dr. Thöne-Otto. Auch Frau Michalk hob die Bedeutung des Querdenkens hervor. Die Bereitschaft der Politik zum fachübergreifenden Austausch sei groß und dieser finde auch zwischen verschiedenen Ausschüssen des Bundestags sowie zwischen Gesundheits- und Forschungsministerium statt.

Auch daran werde die enorme gesundheits- und gesellschaftspolitische Relevanz von Demenz deutlich, sagte Frau Michalk. Das Thema begegne ihr häufig – sowohl in der Berliner Gesundheitspolitik als auch in ihrem Wahlkreis Bautzen. Daher sei der Austausch mit Forschungseinrichtungen sehr erwünscht. Je praxisnaher Forschung ausgestaltet sei, desto besser befördere sie letzlich die Versorgung bei demenziellen Erkrankungen. Man werde daher in Kontakt bleiben und den Dialog zum Thema Demenz fortführen, sicherte sie zum Ende ihres Besuches zu.

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