Praxiserlebnis beim ISPG in Mannheim

Am 13.06.2016 besuchten die Bundestagsabgeordneten Gabriele Katzmarek, Stefan Rebmann und Lothar Binding das Institut für Studien zur Psychischen Gesundheit (ISPG) in Mannheim. Beim Praxiserlebnis informierten sich die SPD-Abgeordneten über aktuelle Forschungsergebnisse zur Früherkennung demenzieller Erkrankungen sowie über das Thema „klinische Studien“. Dazu eingeladen hatten der Leiter des ISPG, Prof. Dr. Georg Adler, und Lilly Deutschland als Partner des Dialogforums Demenz.

Interdisziplinäre Behandlung in vertrauensvoller Umgebung

Im Fokus des ISPG stehen insbesondere Aspekte der Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung demenzieller Erkrankungen. Ziel ist es, die Versorgungslage insgesamt zu verbessern, betonte Prof. Adler bei der Vorstellung seines Instituts: „Wir möchten Patienten nach dem aktuellsten medizinischen Kenntnisstand in einer individuellen und freundlichen Atmosphäre behandeln.“

Dazu verfügt das ISPG über ein interdisziplinäres Team aus Ärzten und Psychologen sowie technischem und Krankenpflegepersonal. Bei einer kurzen Führung sprach Prof. Adler weitere Aspekte an, die für die Arbeit seines Instituts bedeutsam sind. Neben regelmäßigem persönlichen Kontakt und der intensiven Betreuung der Patienten ist es wichtig, ihnen eine vertraute Umgebung zu bieten. Dazu tragen beispielsweise Bilder vom Mannheim um 1910 bei, die als Bezugspunkt für Erinnerungen dienen.

Steigende Zahl an Demenzerkrankungen durch demografischen Wandel

Neue Versorgungskonzepte wie die des ISPG und die Erkenntnisse aus hier durchgeführten klinischen Studien leisten einen wichtigen Beitrag zur zukünftigen Gesundheitsversorgung. Das verdeutlichte Prof. Adler im Gespräch mit Gabriele Katzmarek, Stefan Rebmann und Lothar Binding anhand des demografischen Wandels. Durch die steigende Lebenserwartung und die große „baby boomer“-Generation sei auch ein deutlicher Anstieg demenzieller Erkrankungen zu erwarten.

„Wo verläuft die Grenze zwischen einer normalen Leistungsabnahme im Alter und einer Demenz?“, fragten die Bundestagsabgeordneten. Diese ist schwierig zu bestimmen, erklärte Dr. Yvonne Lembach vom ISPG. Denn die kognitive Leistungsfähigkeit ist von Person zu Person unterschiedlich. Außerdem kann durch geistige und körperliche Aktivitäten eine Art „Puffer“ aufgebaut werden, der vor kognitiven Veränderungen in diesen Bereichen schützen kann.

Herr Rebmann fügte hinzu, dass die Krankheit ein „schleichender Prozess“ ist, da sie langsam fortschreitend verläuft. „Das macht es zum Krankheitsbeginn auch schwierig, sie zu erkennen“, bestätigte Prof. Adler. Das diagnostische Kriterium einer „eingeschränkten Alltagsfähigkeit“ kann sich zudem bei einzelnen Betroffenen sehr verschieden äußern, z.B. durch Versäumen von Terminen, häufigeres Sich-Ausschließen aus der Wohnung oder das unnötige mehrfache Einkaufen der gleichen Lebensmittel.

Neue Forschungsergebnisse verdeutlichen Bedeutung der Früherkennung

Die Teilnehmer des Praxiserlebnisses waren sich einig, dass die Aussicht auf den Verlust der Selbstbestimmung für viele Menschen ein Schreckensszenario ist und entsprechende Ängste erzeugt. Herr Binding betonte, eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sei besonders sensibel, weil jeder potentiell selbst betroffen sein kann. Ein weiterer Grund: Alzheimer-Demenz ist aktuell noch nicht ursächlich behandelbar. Dennoch ist die Lage nicht so aussichtslos, wie oftmals angenommen, stellte Prof. Adler heraus: „Da die Krankheit eine lange präsymptomatische Phase beinhaltet, kann man mit Maßnahmen der Sekundärprävention bereits jetzt viel tun. Das ist eine sehr positive Botschaft.“

Hinzu kommen Hinweise aus klinischen Studien, in denen neue Therapien untersucht werden. Die rechtzeitige Intervention könnte von Vorteil sein, unterstrich Prof. Adler: „Studienergebnisse deuten darauf hin, dass eine frühe Behandlung den Verlauf der Krankheit hinauszögern kann.“ Die späteren Formen von Alzheimer-Demenz mit schwerwiegenderen Symptomen, so die Hoffnung, könnten somit hinausgezögert werden und später auftreten. „Manchmal ist ein halbes Jahr ja schon ein großer Gewinn“, fügte Herr Rebmann hinzu.

Moderne Verfahren zur differenzierten Diagnose von Demenz

Die Weiterentwicklung moderner Testverfahren kann einen Beitrag zur differenzierten Diagnostik leisten. „Die Frage, welche Form der Demenz vorliegt, kann heute u.a. durch den Nachweis von Biomarkern genauer beantwortet werden. So können wir heute Eiweißablagerungen im Gehirn nachweisen, die für die Enstehung einer Alzheimer-Demenz verantwortlich gemacht werden“, erläuterte Susanne Kraemer von Lilly Deutschland. Auch neuropsychologische Tests, wie sie im ISPG durchgeführt werden, können zu einer präziseren Diagnostik demenzieller Erkrankungen beitragen. Der Fokus liegt dabei auf den kognitiven Bereichen des Gehirns, die besonders früh beeinträchtigt sind, z.B. dem episodischen Gedächtnis oder der Aufmerksamkeit.

Elemente des so genannten „Merkfähigkeits- und Aufmerksamkeits-Tests“ (MAT) konnten die Teilnehmer des Praxiserlebnisses vor Ort selbst ausprobieren. Die Ergebnisse solcher Testverfahren können Hinweise auf kognitive Veränderungen liefern und Anknüpfungspunkte für weitere Schritte aufzeigen – beispielsweise die Teilnahme an einer klinischen Studie mit neuen Wirkstoffen.

Eine große Hürde für Früherkennungsmaßnahmen sei jedoch die Finanzierung, so Prof. Adler. Die meisten seiner Patienten sind privatversichert, für gesetzlich Versicherte übernimmt derzeit eine Stiftung die Kosten. In der Diskussion mit den SPD-Abgeordneten wurde ferner deutlich, dass die strikte Abgrenzung zwischen verschiedenen Sektoren des Gesundheitssystems das Finanzierungsproblem verschärft. Potentielle Einsparungen durch Prävention und Früherkennung, beispielsweise in der Pflege, werden dadurch nicht ausreichend abgebildet.

Eine zusätzliche Herausforderung sei die Gewinnung von Teilnehmern für Studien, da Vorurteile kursieren. Doch gerade in frühen Stadien der Demenz-Erkrankungen seien Studien wichtig, um Behandlungsmöglichkeiten für die Betroffenen entwickeln zu können. Es sei schwierig, das Thema über die Gruppe der Gesundheitsbewussten hinaus in die breite Bevölkerung zu tragen. Sowohl für Patienten als auch für Angehörige kann aber die Kenntnis der Diagnose zusammen mit einer umfassenden Beratung zu Sekundärprävention und Zukunftsplanung helfen, Ängste abzubauen. Wenn behutsam nahegebracht, könne man mit den Beteiligten gut über das Thema Demenz sprechen. „Viele Patienten und auch Angehörige sind sogar erleichtert, wenn sie eine Diagnose erhalten und sehen, dass wir sie unterstützen können“ resümierte Prof. Adler.

Breite gesellschaftliche Debatte über geeignete Rahmenbedingungen zur Früherkennung

Dieser Aspekt verdeutliche die schwierige, aber notwendige Debatte über den richtigen gesellschaftlichen Umgang mit demenziellen Erkrankungen, ergänzte Herr Binding. Prof. Adler hob in diesem Zusammenhang die vielfältigen Aspekte hervor, die dabei zu berücksichtigen sind. Denn das Thema betreffe „nicht immer nur die Pflege von Schwerdementen“, sondern auch viele weitere Aspekte.

Ein Beispiel aus der aktuellen politischen Diskussion ist die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen gruppennützige Studien an nicht einwilligungsfähigen Demenzkranken erlaubt werden sollten. „Diese Entscheidung ist heikel und sehr individuell. Als SPD möchten wir den Menschen hier eine Entscheidungsmöglichkeit geben“, erklärte Frau Katzmarek.

Auch andere Bereiche werden im Zuge des demografischen Wandels zunehmend bedeutsam. „Die politische Kernaufgabe wird es sein, die richtigen medizinischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit eine rechtzeitige Diagnosestellung gelingen kann“, betonte Dialogforums-Partner Dr. Gerd Kräh. Frau Katzmarek identifizierte dafür die Sensibilisierung von Hausärzten als wichtiges politisches Handlungsfeld. Diese könnten potentielle Alzheimer-Patienten rechtzeitig an Fachärzte vermitteln.

Teilnehmer des Praxiserlebnisses waren sich einig, den Dialog zu den großen Herausforderungen von Demenz und möglichen Lösungsansätzen auch in Zukunft fortzusetzen.

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BERICHT DES PRAXISERLEBNISSES

 

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