Praxiserlebnis beim Betreuungszentrum Arche Noah

Am 03.02.2016 besuchte der Bundestagsabgeordnete Dirk Heidenblut das Betreuungszentrum Arche Noah in Herzogenrath-Kohlscheid bei Aachen. Beim Praxiserlebnis machte sich der SPD-Politiker ein Bild von der Ausgestaltung der Pflegeeinrichtung und diskutierte regulatorische Rahmenbedingungen der psychiatrischen und pflegerischen Versorgung demenziell Erkrankter. Zum Praxiserlebnis eingeladen hatten Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN) und Partner des Dialogforums Demenz, und Theo Sanders, Träger und Heimleiter des Betreuungszentrums Arche Noah. Gemeinsam tauschten sie sich über aktuelle Herausforderungen für die Versorgung aus pflegerischer und fachärztlicher Perspektive aus.

Diskussion aktueller Herausforderungen in pflegerischer und fachärztlicher Versorgung

Zu Beginn des Praxiserlebnisses stand die aktuelle Situation der Versorgung im Mittelpunkt. Die Teilnehmer waren sich über den großen Handlungsbedarf einig: Gerade weil in naher Zukunft deutlich mehr Pflegebedürftige zu erwarten sind und auch die Anzahl demenziell Erkrankter ansteigt, müssten entsprechende Maßnahmen zur Weiterentwicklung von Versorgungskonzepten und Personalstrukturen angestoßen werden.

„Seit über einem halben Jahr suche ich einen geeigneten Facharzt“, berichtete Dr. Bergmann. Pflegeeinrichtungen seien besonders stark vom Facharztmangel betroffen und aufgrund langer Anfahrtswege und der geringen Anzahl verfügbarer Fachärzte unterversorgt. Dies gelte insbesondere für den psychiatrischen Bereich: Da nur ein Drittel der Fachärzte eine Doppelqualifizierung als Neurologe und Psychiater habe, könne die psychiatrische Versorgung durch Neurologen lediglich punktuell übernommen werden, nicht aber dauerhaft. Auch Vorgaben zur Kooperation zwischen den verschiedenen Bereichen der Gesundheitsversorgung seien derzeit unzureichend, um Engpässe auszugleichen.

In der Pflege sei der Personalnotstand ohnehin ein Dauerthema, fügte Herr Sanders hinzu und betonte die Reichweite politischer Entscheidungen. Ein gutes Beispiel sei das neue Begutachtungsverfahren, das mit dem Pflegestärkungsgesetz II eingeführt wurde. Einerseits würde die Anzahl der Pflegebedürftigen durch den gleichberechtigten Zugang demenziell Erkrankter zu Pflegeleistungen stark ansteigen. Andererseits führe das neue Verfahren zu einem erhöhten Bedarf an Gutachtern durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Da beide Berufszweige für ähnliche Bewerber interessant seien, entstehe in der Folge ein unerwünschter Personalwettbewerb zuungunsten derjenigen Fachkräfte, die die tatsächliche Pflege leisten.

Mit Blick auf den schon jetzt hohen Fachkräftemangel bereite ihm das aktuelle Handlungsdefizit Sorgen, sagte Herr Heidenblut. Ähnliche Erfahrungen bestätigte auch Theo Sanders: „Diese Sorgen sind absolut berechtigt, ich erlebe sie jeden Tag in der Praxis. Es ist extrem schwer, qualifiziertes Personal zu gewinnen.“

Strukturierte Kooperation zwischen Facharzt und Pflegeeinrichtung als Best-Practice-Beispiel

Ein Ansatz, wie gute Pflege mit fachärztlicher Beteiligung heute schon gelingen kann, ist die strukturierte Kooperation zwischen psychiatrischen Fachärzten und Pflegeeinrichtungen. Diese wird im Betreuungszentrum Arche Noah bereits seit mehreren Jahren praktiziert.

Dazu besucht Dr. Bergmann einmal pro Woche die Einrichtung und bespricht mit den Verantwortlichen vor Ort ausgewählte Fälle. Anschließend besucht er die entsprechenden Bewohner in seiner Visite und legt passende Therapiestrategien fest. Zusätzlich besteht ein enger Kontakt zwischen Betreuungszentrum und psychiatrischem Facharzt, so dass auch abseits des wöchentlichen Besuchs eine Möglichkeit zum Austausch besteht. Darüber hinaus bestehen Angebote für Angehörige der Bewohner, sich in Psychoedukationsgruppen im Umgang mit Demenzpatienten weiterzubilden.

Mit diesem Modell habe man sehr gute Erfahrungen gemacht, unterstrich Dr. Bergmann. Sowohl der Medikamenteneinsatz als auch die Anzahl an Klinikeinweisungen sei deutlich geringer als in vergleichbaren Pflegeeinrichtungen ohne strukturierte Kooperation. Auch Herr Sanders betonte die Vorteile der Zusammenarbeit. Gerade Krisensituationen seien leichter zu bewältigen. Von Heimseite sei eine adäquate Vorbereitung der Kooperation nötig, nach einer anfänglichen Einrichtungsphase gebe es aber keinen Mehraufwand für Pflegepersonal und Heimleitung.

Verbindlichere Kooperationsmodelle und bedarfsorientierte Qualifizierung

Aufgrund der positiven Erfahrungen wünsche er sich von der zukünftigen Politik eine stärkere Verbindlichkeit solcher Kooperationsmodelle und die Verpflichtung zur Zusammenarbeit, sagte Dr. Bergmann. Eine Möglichkeit bestehe in der Bindung von Fachärzten an bestimmte Pflegeeinrichtungen, um dauerhafte Kooperationen zu stärken. Zusätzlich könne dies zu einem gewinnbringenden Austausch durch eine bessere Vernetzung der verschiedenen Gesundheitsberufe beitragen.

Die bedarfsorientierte Ausbildung von Fachärzten hob Dr. Bergmann als weiteren wichtigen Aspekt hervor. Ein Ansatz sei die Qualifizierung von Neurologen, damit sie die gerontopsychiatrische Versorgung mitübernehmen können. Ein entsprechendes Modell diskutiere man derzeit bereits innerhalb der Kassenärztlichen Vereinigungen. Aber auch die Rolle von Psychologen müsse auf den Prüfstand. Diese könnten zur Kooperation in der Akutversorgung verpflichtet werden.

Bessere Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Wertschätzung für die Pflege

Für die Zukunft des Pflegeberufs sei es entscheidend, den hohen Stellenwert von adäquater pflegerischer Versorgung zu vermitteln, betonte Herr Heidenblut. Die Pflege müsse in Zukunft mehr gesellschaftliche Wertschätzung erfahren. Dazu gehöre auch eine bessere Bezahlung der Fachkräfte. Für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz sei es darüber hinaus zentral, dass die Zeit mit den zu pflegenden Menschen und nicht durchgetaktet oder am Schreibtisch verbracht wird. Auch die Einrichtung von Wohn- und Gemeinschaftsräumen sei wichtig, fügte Herr Heidenblut bei der Führung durch das Betreuungszentrum hinzu: „Schließlich geht es darum, dass sich die Bewohner wohl fühlen.“ Das könne sich wiederum positiv auf die Stimmung des Personals auswirken.

Neben diesen grundlegenden Punkten debattiere man im Bundestag aktuell eine Reform der Ausbildung mit einem neuen Pflegeberufegesetz, sagte Herr Heidenblut. Dabei müsse der Verschiebung der pflegerischen Tätigkeit – insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender altersspezifischer Erkrankungen wie Demenz – in Richtung Krankenpflege Rechnung getragen werden. Dennoch gebe es Überschneidungen zwischen den verschiedenen Pflegeberufen und Bereiche der Ausbildung, die für alle Berufszweige relevant sind. Entscheidender als die Grundsatzdebatte um eine generalistische Ausbildung sei daher die konkrete Ausgestaltung der Curricula. Dr. Bergmann ergänzte, dass auch strategische und organisatorische Fähigkeiten vermittelt werden sollten, da sie ebenfalls im Pflegeberuf gefragt seien.

Ein gemeinsames Dach für Diskussionen zu Demenz

Die Teilnehmer des Praxiserlebnisses waren sich einig, dass die vielfältigen Facetten demenzieller Erkrankungen das Engagement vieler unterschiedlicher Akteure erfordert. Um sie besser miteinander zu vernetzen, sei eine Art politisches Awareness-Programm denkbar, das demenzielle Erkrankungen und weitere Aspekte des Alterns unter einem Dach vereint. Dies sei beispielsweise mit einer Kampagne der BZgA oder einer gemeinsamen Kooperation gesundheitspolitischer Institutionen ähnlich der Nationalen Präventionskonferenz möglich. Herr Sanders betonte, von der zukünftigen Politik wünsche er sich vor allem, die Praxis in Entscheidungen einzubeziehen und diese nicht am „grünen Tisch“ zu treffen. Besondere Bedeutung kämen dabei Vor-Ort-Besuchen wie dem von Herrn Heidenblut zu.

Auch aus Sicht der Politik seien Einblicke in die Versorgung von großer Bedeutung, stimmte Herr Heidenblut zu. Er unterstrich die Relevanz der Initiative Dialogforum Demenz und formulierte seine zentrale Frage: „Wie können wir damit umgehen, damit es nicht zu Segregation kommt, sondern echte Teilhabe gelingt?“ Bei diesem Thema sei er gerne zum weiteren Austausch bereit, betonte der SPD-Politiker zum Abschluss des Praxiserlebnisses.

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BERICHT DES PRAXISERLEBNISSES

 

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