Praxiserlebnis bei der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V.

Am 23.11.2015 besuchte die Bundestagsabgeordnete Dr. Ute Finckh-Krämer die Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. in Berlin. Beim Praxiserlebnis tauschte sich die SPD-Politikerin im Stadtteilzentrum Villa Mittelhof mit Angehörigen von demenziell Erkrankten aus und machte sich ein Bild von ihren großen Herausforderungen. Die Gesprächsgruppe im Stadtteil Steglitz-Zehlendorf besteht seit 22 Jahren. In dieser sowie in zwölf weiteren Gruppen in Berlin treffen sich regelmäßig Angehörige von demenziell Erkrankten, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Politikern die Sorgen und Ängste von Angehörigen vermitteln

Zum Praxiserlebnis eingeladen hatte Rosemarie Drenhaus-Wagner, Erste Vorsitzende der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. und Partnerin der Initiative Dialogforum Demenz (Informationen zu den Partnern finden Sie hier). In einem Radiointerview äußerte sie sich vor einiger Zeit, dass Politiker in Angehörigen-Gesprächsgruppen kommen sollten, damit sie hautnah erleben, welche Sorgen und Ängste pflegende Angehörige beschäftigen. Dieser Einladung kam Dr. Ute Finckh-Krämer, Abgeordnete der SPD-Bundestagsfraktion, gerne nach. Sie betonte, die Unterstützung des Ehrenamts und sozialer Einrichtungen sei ein besonderer Schwerpunkt der Tätigkeit in ihrem Wahlkreis Berlin-Steglitz-Zehlendorf. Aus eigenen Erfahrungen wisse sie, wie bedeutsam der offene Austausch in Angehörigengruppen sei. Ein solches Angebot fehle noch an einigen Orten, sagte Frau Dr. Finckh-Krämer zu Beginn des Praxiserlebnisses.

Gesprächsgruppen sind wichtiges Angebot für Angehörige

Im Anschluss diskutierten die Teilnehmer der Gesprächsgruppe über die Herausforderungen, mit denen sie durch die demenziellen Erkrankungen ihrer Angehörigen täglich konfrontiert werden. Sie berichteten von aktuellen Entwicklungen bei sich zu Hause, im Pflegeheim oder in der Demenz-WG ihrer Angehörigen.

Wie gehe ich mit dem langen Weg zu einer Demenzdiagnose um und wie lerne ich, die Erkrankung zu akzeptieren? Wer unterstützt mich bei der Beantragung eines Pflegegrades? Wie kann ich einen Angehörigen am besten an sozialen Aktivitäten teilhaben lassen? Wie organisiere ich eine Kurzzeitpflege, wenn ich selbst Entlastung benötige? Und wie finde ich passende Beratungs- und Unterstützungsangebote? Diese und viele weitere Fragen stellten die Teilnehmer an Frau Dr. Finckh-Krämer und diskutierten sie im offenen Austausch.

„Diese Offenheit, das Zuhören und aufeinander Eingehen liegen mir besonders am Herzen“, betonte Frau Drenhaus-Wagner. Erst dadurch würden der vertrauensvolle Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Anteilnahme möglich. Denn mit den Herausforderungen demenzieller Erkrankungen gingen starke emotionale Belastungen einher, z.B. ein schlechtes Gewissen, wenn nicht geholfen werden kann. Das Verständnis von anderen Angehörigen mit vergleichbaren Erfahrungen sei zentral, denn es gebe Kraft und Mut, auch mit schwierigen Situationen fertigzuwerden. „Ich weiß nicht, was ich ohne diese Gruppe und Frau Drenhaus-Wagner getan hätte“, bekräftigte eine Teilnehmerin die Bedeutung der Angehörigengruppe.

Geeignete Rahmenbedingungen in Beratung und Versorgung schaffen

Aufgrund ihrer positiven Erfahrungen waren sich die Teilnehmer einig, dass ein früher Zugang zu unterstützenden Angeboten ermöglicht werden sollte. Denn der Weg zur Teilnahme sei nicht leicht, er erfordere Zeit und manchmal auch einen Anstoß von außen. „Eine Freundin hat mich förmlich her geschubst“, berichtete eine Teilnehmerin.

Frau Drenhaus-Wagner betonte in diesem Zusammenhang ihr besonderes Anliegen der „zugehenden Beratung“. Die aktive Ansprache demenziell Erkrankter und ihrer Angehörigen könne ihnen den schwierigen Schritt hin zu Hilfsangeboten und der Auseinandersetzung mit der Erkrankung erleichtern. Beispielsweise könnten Kontaktdaten von Angehörigen nach deren Einwilligung vom Hausarzt oder vom Krankenhauspersonal an eine Selbsthilfeorganisation weitergeleitet werden. Diese kann anschließend Kontakt mit den Angehörigen aufnehmen und Beratungs- und Unterstützungsangebote unterbreiten. Frau Dr. Finckh-Krämer befürwortete diese Idee und fügte hinzu, dass zusätzlich zu Gesundheitsberufen auch Institutionen der Seelsorge für eine Vermittlung geeignet wären.

Die Teilnehmer der Angehörigen-Gesprächsgruppe hoben die große Bedeutung einer adäquaten stationären Versorgung hervor, um besondere Bedürfnisse von Demenzpatienten zu berücksichtigen. Aus ihrer Sicht seien Krankenhäuser nicht ausreichend auf die Versorgung von geriatrischen und Demenzpatienten vorbereitet.

Auch der Ausbau der Tagespflege mit speziellen Angeboten für demenziell Erkrankte sei nötig. Oft sei man als pflegender Angehöriger besonderen Belastungen ausgesetzt und benötige Unterstützung nur für eine kurze Dauer. In solchen Situationen sei eine Tages- oder Kurzzeitpflege sinnvoll, da sie punktuell Entlastung schaffen könne.

Mit Blick auf diese beiden Aspekte forderten die Angehörigen eine bessere Ausbildung in Gesund-heitsberufen und die Vorbereitung auf den Kontakt mit demenziell Erkrankten. Notwendig sei dafür auch ein offenerer gesellschaftlicher Umgang mit Demenz – nach wie vor ist die Erkrankung mit vielen Vorurteilen behaftet.

Von der Politik wünschten sich die Teilnehmer der Angehörigen-Gesprächsgruppe zuvorderst, ernst genommen zu werden. Zwar kämen ihre Anliegen in der öffentlichen Debatte vor, sie würden aber noch nicht mit genügend Nachdruck angegangen. Ein erster Schritt dafür wurde mit dem Praxiserlebnis geschafft: Zum Abschluss resümierte Frau Dr. Finckh-Krämer, sie werde drei Punkte – zugehende Beratung, spezialisierte Kurzzeitpflege und die demenzfreundliche Ausgestaltung von Krankenhäusern – für ihre Arbeit mitnehmen und an die Gesundheitspolitiker in ihrer Fraktion herantragen.

Hier können Sie sich den Bericht unseres Praxiserlebnisses als PDF-Dokument herunterladen:

BERICHT DES PRAXISERLEBNISSES

 

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