Praxiserlebnis bei der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V.

Am 30.01.2017 besuchte die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert die Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. in Berlin. Beim Praxiserlebnis tauschte sich die SPD-Politikerin im Nachbarschaftsheim Mittelhof mit Angehörigen von demenziell Erkrankten aus. Im gemeinsamen Gespräch ging es um aktuelle Gesetze, den großen politischen Handlungsbedarf im Demenzbereich sowie die täglichen Herausforderungen der Angehörigen. Zum Praxiserlebnis eingeladen hatte Rosemarie Drenhaus-Wagner, Erste Vorsitzende der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. und Partnerin der Initiative Dialogforum Demenz (Informationen zu den Partnern finden Sie hier).

Unterstützung für Angehörige auf Augenhöhe

Kaum eine Entwicklung stellt die deutsche Politik vor so weitreichende Herausforderungen wie der demografische Wandel. „Aktuell befinden wir uns in einem großen Experiment für die gesamte Gesellschaft“, betonte Mechthild Rawert. Sinnbildlich dafür stehe der Umgang mit dem Älterwerden in den Kommunen: Früher hätten Bürgermeister noch jedem Bewohner ihres Ortes zum 100. Geburtstag persönlich gratuliert, heute sei das aufgrund der großen Anzahl gar nicht mehr möglich. „Und das ist nur ein Beispiel, denn jeder Lebensbereich ist betroffen“, fügte die Bundestagsabgeordnete hinzu.

Das gilt umso mehr für demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen, denn sie müssen neben den Herausforderungen des Alterns auch mit denen der Krankheit umgehen. In dieser schwierigen Situation ist v.a. für die Angehörigen eine Unterstützung auf Augenhöhe bedeutsam. Ein Beispiel dafür ist die Gesprächsgruppe im Bezirk Steglitz-Zehlendorf unter Leitung von Frau Drenhaus-Wagner, die sich regelmäßig trifft. Sie ist eine von berlinweit 14 Gruppen der Alzheimer Angehörigen-Initiative, in denen sich Angehörige von demenziell Erkrankten über ihre Erfahrungen austauschen können.

Wichtig in ihrer Arbeit ist das gegenseitige Verständnis für die erlebte Situation, erklärte Frau Drenhaus-Wagner: „Bei uns wird jeder in seiner ganz individuellen Lage akzeptiert, ablehnendes Stirnrunzeln gibt es nicht.“ Das erleichtere es allen Teilnehmern, sich zu öffnen und die großen Emotionen zu bewältigen, die mit der fortschreitenden demenziellen Erkrankung eines Angehörigen einhergehen. Darauf aufbauend entstehen Bindungen zwischen den Gruppenmitgliedern, die einen Austausch von Erfahrungen und praktischen Tipps bei den regelmäßigen Treffen und darüber hinaus, z.B. per Telefon oder E-Mail, ermöglichen.

Verbesserungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen

Unterstützung haben demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen in dieser Wahlperiode auch vonseiten der Politik erhalten, denn mit den Pflegestärkungsgesetzen traten zum 1. Januar 2017 wichtige Reformen in Kraft. Beispielsweise sollen Pflegebedürftige einen gleichberechtigten Zugang zu Leistungen erhalten, unabhängig davon, ob sie von körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen betroffen sind. Insbesondere die Einstufung von Menschen mit Demenz in einen der fünf Pflegegrade soll so verbessert werden.

„Das Wissen um die neuen Möglichkeiten muss aber auch bei den Bürgern ankommen“, betonte Frau Rawert im Gespräch mit den Angehörigen. Mit weiteren Bestandteilen der umfassenden Pflegereform möchte der Gesetzgeber deshalb für eine Verbesserung der Pflegeberatung sorgen. In 60 Modellprogrammen werden verschiedene Varianten auf die entsprechenden Kommunen zugeschnitten und getestet. Außerdem wurden Freiheiten zur Erprobung neuer Versorgungsformen geschaffen, die nun von den jeweiligen Trägern umgesetzt werden können. Frau Drenhaus-Wagner begrüßte dieses Vorhaben: „Unser Ziel muss es sein, neue Ideen für die Versorgung von Menschen mit Demenz zu entwickeln und offenere Einrichtungen zu schaffen.“

Mehr qualifiziertes Personal für die Betreuung

Trotz der Verbesserungen bestehen für die Angehörigen von demenziell Erkrankten weiterhin zahlreiche Herausforderungen. Besonders für die Tages- und Kurzzeitpflege wünschten sich die Gesprächsteilnehmer Verbesserungen bei Qualität und Verfügbarkeit der Angebote. Eine Angehörige berichtete, sie habe acht Wochen auf einen Probetermin warten müssen. Zudem seien die Mindestzeiten für eine Kurzzeitpflege in den verschiedenen Einrichtungen sehr unterschiedlich, was die Vereinbarkeit mit einer Berufstätigkeit erschwert.

Selbst wenn eine passende Einrichtung gefunden ist, kann der hohe Personalbedarf für die Betreuung von demenziell Erkrankten nicht immer geleistet werden. Das gilt besonders in den späteren Phasen der Erkrankung, die eine intensive Unterstützung und Pflege der Menschen mit Demenz erfordern. Eine Angehörige erzählte, die Pflege ihres Mannes sei deshalb von Tagespflegeeinrichtungen abgelehnt worden.

Frau Rawert erläuterte, dass der Zugewinn von Pflegekräften gerade mit Blick auf den demografischen Wandel wichtig ist. Deshalb sei ihr Ziel, mit dem aktuell im Bundestag diskutierten Pflegeberufegesetz ein einheitliches Berufsbild zu schaffen und für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen. Dafür seien aber auch die Beschäftigten der Branche mitverantwortlich: „Um ihre Interessen wirksam einzubringen, müssen sich die Arbeitnehmer organisieren“, erklärte die Bundestagsabgeordnete.

Sensibilisierung der Gesellschaft für Demenz

Auch über den Pflegebereich hinaus ist eine Sensibilisierung für demenzielle Erkrankungen notwendig, darin waren sich die Teilnehmer des Praxiserlebnisses einig. Frau Rawert betonte, dass die Begegnung mit Menschen mit Demenz in ganz unterschiedlichen Kontexten stattfindet, beispielsweise beim täglichen Einkauf oder in der Bankfiliale. Schulungsangebote sollen daher helfen, eine höhere Aufmerksamkeit in der breiten Bevölkerung zu erreichen und den Umgang mit demenziellen Erkrankungen zu erleichtern.

Ein Beispiel dafür ist die Kampagne „Demenz Partner“, bei der von den teilnehmenden Institutionen 90-minütige Schulungen zu Demenz angeboten werden und in der sich auch die Alzheimer Angehörigen-Initiative engagiert. Die Initiative knüpft an die weltweite Aktion „Dementia Friends“ an, in Deutschland ist sie eine Initiative der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und wird vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert. Grundsätzlich kann sich so jeder Interessierte fortbilden und über dieses wichtige gesellschaftliche Thema informieren.

Schaffung demenzfreundlicher öffentlicher Räume

Die Angehörigen begrüßten die Idee von Schulungen, das Verhalten von Menschen mit Demenz sei aber auch mit größerem Wissen in den anfänglichen Stadien schwierig einzuschätzen. Zu Beginn würden sie sich logisch verhalten und hätten passende Antworten parat, beispielsweise, wenn sie ihr komplettes Guthaben vom Konto abheben. In den späteren Stadien sind dann andere Lösungsstrategien gefragt, z.B. um Weglauftendenzen und Orientierungslosigkeit zu begegnen.

Die Teilnehmer des Praxiserlebnisses waren sich einig, dass öffentliche Räume insgesamt demenzfreundlicher gestaltet werden sollten. Dafür und für die Stärkung der Angehörigen von demenziell Erkrankten müsse im Bundestag weitergearbeitet werden, sagte Frau Rawert. Der direkte Austausch mit den Angehörigen selbst sei dafür von großer Bedeutung, versicherte sie. „Ich bin Ihnen sehr dankbar für die Einladung, weil ich durch solche Gespräche mitbekomme, wie sich unsere Entscheidungen im Bundestag im täglichen Leben der Bürger auswirken.“ Für die Belange der Angehörigen wolle sie sich weiter einsetzen und den gemeinsamen Austausch fortsetzen.

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Hier können Sie sich den Bericht unseres Praxiserlebnisses als PDF-Dokument herunterladen:

BERICHT DES PRAXISERLEBNISSES

 

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