Parlamentarische Auftaktveranstaltung in der Hörsaalruine der Charité am 17.06.

Am 17.06.2015 fand die Parlamentarische Auftaktveranstaltung des Dialogforums Demenz in der Hörsaalruine der Charité statt. Im Veranstaltungsort im Berliner Medizinhistorischen Museum diskutierten die Mitglieder des Bundestages Mechthild Rawert, Elisabeth Scharfenberg, Pia Zimmermann und Erwin Rüddel mit pflegenden Angehörigen, Patientenvertretern, Pflegefachkräften, Ärzten sowie Vertretern von Politik und Krankenkassen über vielfältige Themen im Bereich Demenz. Moderator Gerhard Schröder vom Deutschlandfunk führte durch den Abend.

FILMSZENE UND PODIUMSGESPRÄCH MIT DAVID SIEVEKING: ROLLENWECHSEL VOM REGISSEUR ZUM PFLEGENDEN ANGEHÖRIGEN

Den Beginn der Veranstaltung markierte eine Filmszene aus „Vergiss mein nicht“. Autor und Regisseur David Sieveking wurde durch die Demenzerkrankung seiner Mutter Gretel zum pflegenden Angehörigen und dokumentierte ihre Erkrankung und den Umgang der Familie damit in seinem preisgekrönten Film. Ein kurzer Ausschnitt verdeutlichte die vielen unterschiedlichen Lebensbereiche, auf die sich eine Demenzerkrankung auswirkt: das alltägliche Frühstück, den Besuch beim Friseur oder eine vermeintlich einfache Freizeitaktivität wie Schwimmengehen – kein Bereich bleibt unberührt.

Bei diesen Szenen gehe es ihm darum, auch die positiven Momente im Laufe einer Demenzerkrankung aufzuzeigen, erklärte Sieveking im anschließenden Gespräch mit Moderator Gerhard Schröder. Während der Demenzerkrankung seiner Mutter habe es viele schöne Momente des familiären Zusammenlebens gegeben. Es sei ihm deshalb wichtig, dem von Defiziten geprägten Bild demenziell Erkrankter etwas entgegenzusetzen.

Sieveking betonte zugleich auch die Herausforderungen, die pflegende Angehörige häufig an ihre Belastungsgrenzen bringen – allein der Weg bis zu einer sicheren Diagnose ist ein beschwerlicher. In Richtung Politik appellierte er, umzudenken und demenziell Erkrankte in allen Lebensbereichen zu berücksichtigen. Noch sei unsere Gesellschaft nicht ausreichend auf den Umgang mit Demenz vorbereitet, was im Alltag oft zum gesellschaftlichen Ausschluss der Betroffenen führe.

VORSTELLUNG DES DIALOGFORUMS DEMENZ: DAS THEMA IN SEINER VIELFALT DISKUTIEREN

Die Veranstaltung diente auch der Vorstellung des Dialogforums Demenz. Unter der Leitfrage „Was muss sich verändern, damit demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen ‚mitten in der Gesellschaft‘ stehen?“ haben sich Partner aus unterschiedlichen Bereichen zusammengeschlossen, um die gesundheits- und sozialpolitischen Folgen von Demenz aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren. (Weitere Informationen zum Dialogforum Demenz finden Sie hier.)

Im Anschluss an die eingängige Filmszene schilderten die Partner des Dialogforums Demenz ihre Perspektive auf das Themenfeld Demenz. Vor Ort wurden sie durch Rosemarie Drenhaus-Wagner (Alzheimer Angehörigen Initiative), Dr. Roland Urban (Berufsverband Deutscher Nervenärzte), Thomas Bodmer (DAK Gesundheit), Dr. Gerd Kräh (Lilly Deutschland) und Prof. Dr. Matthias L. Schroeter (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig) vertreten. Auch Dr. h.c. Jürgen Gohde, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), erläuterte sein umfassendes Engagement zum Thema Demenz. (Weitere Informationen zu den Partnern der Initiative Dialogforum Demenz finden Sie hier.)

OFFENER DIALOG ZWISCHEN POLITIK UND EXPERTEN: ENORMER HANDLUNGSBEDARF AUCH ÜBER PFLEGEASPEKTE HINAUS

Beim darauffolgenden Dialog hatten die Experten im Publikum die Gelegenheit, sich mit ihren Anliegen und Fragen direkt an die Bundestagsabgeordneten Mechthild Rawert (SPD), Elisabeth Scharfenberg (Bündnis 90/Die Grünen), Pia Zimmermann (Die Linke) und Erwin Rüddel (CDU) zu wenden. So entstand ein lebhafter Austausch zwischen den politischen Podiumsgästen und dem fachkundigen Publikum, das ein breites Spektrum aus pflegenden Angehörigen, Patientenvertretern, Pflegefachkräften, Ärzten und Vertretern von Politik und Krankenkassen abbildete.

Ein zentraler Punkt der Diskussion war die bessere Koordination im Gesundheitswesen. Dies gelte nicht nur für die Vernetzung zwischen unterschiedlichen Gesundheitsberufen wie beispielsweise ambulanten Pflegekräften und Haus- und Fachärzten. Auch eine genauere Abstimmung von Beratungsangeboten und ein proaktiveres Zugehen auf demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen seien notwendig, damit sie sich nicht im „Angebotsdschungel“ verlieren. Dass dafür nicht zwingend kostspielige Maßnahmen notwendig werden, zeigten niedrigschwellige Beratungsangebote wie der Versand von Informationsbriefen oder Broschüren.

Eine bessere geriatrische Schulung von Fachkräften sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Versorgung steht ebenfalls auf der Dringlichkeitsliste. Insbesondere Krankenhäuser seien noch nicht flächendeckend auf demenziell erkrankte Patienten vorbereitet. Speziell auf Demenz zugeschnittene Schulungsangebote oder die Informationsvermittlung an pflegende Angehörige seien wichtige Handlungsbereiche, die zu einer besseren Versorgungslage beitragen können. Dazu zählt auf der anderen Seite auch die Verbesserung der diagnostischen Möglichkeiten, die Demenzpatienten eine frühzeitige und passgenauere Therapie eröffnen – ein Punkt, der im Wunsch an die Politik nach verstärkter Grundlagen- und Versorgungsforschung mündete.

Schließlich müsse der Pflegeberuf deutlich aufgewertet werden, um dem Mangel an Fachkräften zu begegnen. Die Teilnehmer erinnerten jedoch daran, dass eine solche Maßnahme allein nicht ausreiche, um dem erhöhten Betreuungsbedarf demenziell Erkrankter zu begegnen. Politiker auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene seien gefordert, Hilfs- und Unterstützungsleistungen vor Ort zu schaffen, die demenziell Erkrankten und ihren Angehörigen mehr Teilhabe ermöglichen.

Insgesamt zeigten die Beiträge und Diskussionen, wie vielschichtig und facettenreich das Thema Demenz ist und welch großer gesellschaftlicher Handlungsbedarf noch besteht. „Die Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz geht weit über Fragestellungen der Pflegepolitik hinaus – viele weitere Themen müssen wir in der Politik noch angehen“, resümierte die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert ihre Eindrücke des Abends. Beim abschließenden Get-together setzten die Gäste den angeregten Austausch rund um das Thema Demenz fort und ließen den Abend bei Snacks und Getränken ausklingen.

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Hier können Sie sich den Bericht unserer Auftaktveranstaltung als PDF-Dokument herunterladen:

BERICHT DER PARLAMENTARISCHEN AUFTAKTVERANSTALTUNG

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